Kapitel 9: Buchhaltung, Controlling, Vorsorge: den Überblick behalten

„Künstler sind keine Unternehmer, die gemäß den Regeln des Marktes agieren“ – dieses Zitat von Olaf Zimmermann zeigt, dass in der Kultur- und Kreativwirtschaft teilweise eigene Regeln gelten. Teilweise. Wir haben dieses Buch in der Überzeugung geschrieben, dass es sich auch für Kreativschaffende lohnt, den Blick über den eigenen Tellerrand zu richten und zu erkunden, wo sich aus Bereichen wie der Betriebswirtschaft oder dem Marketing Dinge mitnehmen lassen, mit deren Anwendung sich gerade die kreative und künstlerische Tätigkeit nachhaltiger ausüben lässt – im Dienste der Kunst und Kultur. Dass das schnell eine Gratwanderung wird, ist keine Frage. Nur wenn man die andere Seite des Grats nicht kennt, ist die Gefahr groß, dass man unbeabsichtigt abstürzt.
Zu diesen elementaren Bereichen gehört auch der Blick auf die eigenen Zahlen, das Controlling, die Sozialversiverung und Vorsorge.


Labor für kontrafaktisches Denken, Berlin
www.laborfuerkontrafaktischesdenken.de
Peggy Mädler

Sie haben sich im Rahmen Ihrer Arbeit und Dissertation intensiv mit Arbeitsformen und -verhältnissen u.a. auch in der Kulturwirtschaft beschäftigt. Was waren für Sie besondere Erkenntnisse?

Zunächst einmal war die Beobachtung wichtig, dass sich in den letzten 10-15 Jahren sehr viel verändert hat. Es hat einen enormen Zuwachs der selbständigen und freiberuflichen Arbeit gerade in den letzten zehn Jahren gegeben und damit geht natürlich eine öffentliche Diskussion über veränderte Arbeitsformen einher. Ein hoher Anteil der Beschäftigten in der Kultur- und Kreativwirtschaft sind inzwischen selbständig. Damit wird der Bereich auch zum Seismografen für Entwicklungen in anderen Bereichen der Erwerbstätigkeit.

Wie stark müssen Kultur- und Kreativschaffende umdenken?

Ein Umdenken bei den Künstlerinnen und Künstlern wäre tatsächlich hilfreich. Sowohl auf der politischen als auch der je eigenen wirtschaftlichen Ebene. Sie sollten ihre künstlerische Arbeit mehr im Rahmen einer Arbeitsbiografie denken und einbetten. Das, was in anderen Branchen vielleicht zu stark in den Fokus rückt – alles nur unter dem Aspekt Lohnarbeit zu sehen – ist meiner Ansicht nach in der Kultur- und Kreativwirtschaft eher unterbelichtet. Es wird fast nur in Richtung Selbstverwirklichung geschaut. Wenn man seine Arbeit aber im Rahmen der eigenen Arbeitsbiografie versteht und einschätzt, also vor dem Hintergrund der Ausbildung, der Erfahrungen usw., dann entsteht damit auch eine andere Erwartungshaltung an die Entlohnung der eigenen Arbeit, an das zu erwartende Honorar. Den Wert der eigenen Arbeit zu erkennen, hat auch damit zu tun, dass man sich über deren Nutzen für andere bewusst wird, dass man an den eigenen Fähigkeiten arbeitet und z.B. Weiterbildungen macht, dass man seine Arbeit entsprechend zu platzieren versteht. Diese andere Haltung würde vielleicht aus dieser Entwertung der Arbeit, die auch eine Selbstentwertung ist, herausführen. Zusätzlich könnten die Kreativschaffenden dann auch besser für ihre soziale Absicherung sorgen.
Mit dieser veränderten Haltung müssen aber auch veränderte Strukturen einhergehen. Die Basis ist enorm wichtig, also dass Freiberuflichkeit gesamtgesellschaftlich endlich als eine normale Erwerbsform anerkannt wird. Normal im Sinne von Normalität und nicht im Sinne einer überraschend hohen Ausnahmeerscheinung.

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